Im Gespräch mit Gabriel Le Mar

2. Juli 2013
GabrielLeMar

Gabriel Le Mar ist ein deutscher Musikproduzent und Gestalter von abstrakten Bildkompositionen. Als VJ bedient er sich Techniken aus den Bereichen Computer und Video. Seine musikalischen Anfänge finden wir irgendwo Mitte der 90er Jahre, wo er zugleich mit einem Remix für die Fanta4 veröffentlichte. Doch das ist nur eine Momentaufnahme, in Hinblick auf seine bisher über 20 Alben-Produktionen. Mit Dr. Motte kooperiert der Ausnahmekünstler seit geraumer zeit erfolgreich und genau da kommt wieder seine Heimat Berlin ins Spiel…

In diesem Sommer spielst Du sehr oft in Deiner Geburtsstadt Berlin. Wie fühlt es sich an hier mal wieder die Teller zu drehen?
Gabriel Le Mar: Berlin ist für mich immer noch auch Heimat und ich freue mich riesig wieder mal da zu sein. Bin ja hier aufgewachsen und habe an der HdK (jetzt UdK) studiert. Diese Stadt hat mich als Musiker und Mensch bewegt und inspiriert. Mit der Co-Op mit Dr. Motte bin ich Berlin wieder etwas näher gekommen.

Was ist für Dich der größte Unterschied zwischen dem Berliner Publikum und dem Publikum woanders, und wie bereitest Du Dich auf Deine Gigs in der Hauptstadt vor? Welchen Sound bringst Du aus der Main-Metropole mit?
Gabriel Le Mar: Das Berliner Publikum ist sehr direkt und es gibt viele Connaisseure in der Stadt, die wohl zurzeit die spannendste elektronische Musikszene in Deutschland beherbergt… Und Musik bringt viele in der Stadt symbiotisch zusammen. Mein nächster Gig ist in der Magdalena am 16.08. und wir feiern Mottes Geburtstag. Es wird ein fröhliches Set werden, da ich einen Tag vorher meinen feiere, aber der deepe und fließende Sound wird immer dabei sein.
Du bist ein sehr umtriebiger Künstler und bewegst Dich auch außerhalb der elektronischen Musikszene auf hohem, internationalen Niveau. In Deiner Diskographie findet man Namen wie Bob Marley, A-ha, Xavier Naidoo, Fanta 4, Anne Clark, Ich+Ich… Wie kamen diese Kooerationen zustande?
Gabriel Le Mar: Absolut unvorhersehbar. Die Kooperationen entstanden meist dadurch, dass meine Musik und die meiner Projekte bei entsprechenden Leuten zirkulierte und man so aufmerksam auf meine Projekte wurde, und andrerseits durch Zusammenarbeit mit den Verlagen der geremixten Künstler. In Berlin z. B. habe ich an einem Projekt mitgewirkt, welches „Bamboo Industry“ hieß und eng connected war mit Camouflage und Heiko Maile. Wir haben später mit Aural Float einen Remix für Camouflage gemacht, und wie es so ist, ein gutes Ding führt zum nächsten: das Management von Camouflage war auch das Mangement von Fanta 4, und da ihnen der Remix gefiel, machten wir auch einen Remix für die Fantas – diesmal mit den Saafi Brothers.

 

GabrielLeMar by Florian Geiger

GabrielLeMar by Florian Geiger

Wie gehst Du an ein Projekt mit solchen Weltstars heran?
Gabriel Le Mar: Music first! Ich suche mir die Sounds, die mich besonders triggern und versuche dem Stück, dem Künstler, sowie der eigenen Handschrift gerecht zu werden, um ein möglichst emotionales Stück Musik herzustellen, kreativ und frei.

Was war Dein Lieblingsprojekt und was hat den besonderen Reiz daran für Dich ausgemacht?
Gabriel Le Mar: Alle Projekte, besonders die mit befreundeten Künstlern, haben ihren eigenen und besonderen Charme. Die Art und Weise, wie z. B. bei Dr. Motte und mir Musik entsteht, und wie wir uns gegenseitig mental beeinflussen, ist für mich gänzlich anders, als bei anderen Projekten. Und das wirkt sich natürlich auch positiv auf die Produktionen aus, denn die klingen anders, als meine eigenen tunes oder die anderer Projekte. Es geht uns in erster Linie um Spaß an der guten Musik!

Gibt es einen „Wunschkünstler“, mit dem Du unbedingt auch mal zusammen arbeiten möchtest?
Gabriel Le Mar: David Sylvian, The Orb und Lee Scratch Perry.

Was ist für Dich der grundlegende Unterschied zwischen Deinen Projekten inner- und außerhalb des elektronischen Musiksektors?
Gabriel Le Mar: Bei allen Projekten war ich stets interessiert an zeitloser Musik. Dabei haben wir unseren Sound entwickelt und entspannt experimentiert. Meine besondere Vorliebe für elektronischen Dub ist, glaube ich, in allen Projekten zu hören. Mit Aural Float haben wir atmosphärisch-dichte Alben produziert und auch mit Saafi Brothers hypnotisch-schwebende. Zurzeit sind wir im Studio, um unser nächstes Saafi-Album fertigzustellen. Es wird „Live On The Roadblog“ heißen und ist das Resultat einer einmonatigen Live-Session. Mit Aural Float und Saafi Brothers haben wir mehr entspannten Dub / Chill-Wave / EDM gemacht. Mit Gabriel Le Mar lege ich den Fokus auf DubTechHouse – das ist auch der Sound, den ich auf dem Floor spiele, weil ich da meine eigenen Produktionen gern spiele. Mit Dr. Motte zusammen sind wir da eher technoider und grooviger unterwegs. Dieses Jahr kommen zwei Chill-Alben von mir und „Gabriel Le Mar meets Dr.Motte“ heraus. Mein Album wird „Stripped“ heissen und besteht aus Beatless-Dub-Mixes meiner Produktionen, und mit Dr. Motte wird es das Radical Chill Out Projekt „RCO“ geben.

Wenn man auf Mixcloud, RA, MySpace und Soundcloud deine Accounts ansteuert, kann man eine Idee von deiner musikalischen Spannweite bekommen. Vielfalt scheint der Rote Faden in Deiner Karriere zu sein. Kannst Du Dich einfach nicht entscheiden?
Gabriel Le Mar: Alles kann inspirierend sein, alles kommt von irgendwoher und geht weiter… Musik und Ideen, es wird immer weiter gehen.

Und wenn Du Dich nun doch für eine Richtung entscheiden müsstest, welche wäre es und warum?
Gabriel Le Mar: Ich habe mich schon lange entschieden. Ob gechilled und zum Hören oder deep und tanzbar, Dub ist der rote Faden meiner Produktionen und inspiiert mich nach wie vor… Das sind meine Wurzeln. Der „Techno-Moment“ schlecht hin war für mich, als ich bei John Peel im Radio „Mad
Professor meets Ruths TC“ hörte – futuristisch anmutende Musik, wie von einem anderen Planeten – ein heilsamer und nachhaltiger Schock.
1995 starteten wir zusammen mit Jammin´Unit (AirLiquide), der übrigens in Berlin lebt und superbes Mastering macht, sowie Tricky Chris mit DJ Reverend das electronic Dub Soundsystem „Serious Dropout“, veröffentlichten unsere Musik auf den gleichnamigen Samplern und starteten Dub-Nächte in Frankfurt. Ein Teil der elektronischen UK-Dub Szene war auf den Samplern mit vertreten und Mad Professor remixte Jammin´Unit. Maurizio (Moritz v. Oswald) mit seiner M-Serie auf Basic Channel hat mich zu dieser Zeit auch sehr beeindruckt, und sein Sound ist für mich das, wofür z.B. Richie Hawtin im Minimal Techno auch steht: die minimalistische Essenz aus Techno, House, Minimalimus – und in dem Fall Dub – sinnlich zusammen zu führen. Wie Dub-Reggae von einem anderen Stern und einer anderen Zeit – mit dem selben Verständnis der Originatoren des Roots Dub, die die uns vertrauten Spielarten „unserer“ Clubkultur vorwegnahmen: den Remix oder auch Version, Reduktion als Stilmittel, das Verständnis vom Studio als Instrument, etc… Und das alles für einen Moment auf der Party – future perfect!

Du bist nicht nur Künstler der Klänge, sondern auch der Bilder. Bewegte Bilder, um genau zu sein. Wie bist Du zum Medium Video gekommen, wie würdest Du Deinen Stil beschreiben und mit welcher Technik arbeitest Du?
Gabriel Le Mar: Mit Video und Musik beschäftige ich mich seit meinem Studium Anfang der 90er und speziell seit ich Musik mache. Die Art zu arbeiten, ist dem Musikmachen mitunter recht ähnlich, nur ist der Gesamteindruck immer wieder verblüffend, wenn Musik und Bild (und live dann auch der Raum an sich) miteinander zur Geltung kommen. Meine Intention ist es dabei, eher abstrakt Musik zu visualisieren – die eigentlichen Geschichten dahinter entstehen im Idealfall im Auge des Betrachters und helfen, eine gewisse Emotionalität mit zu transportieren. Ich sammle Bilder und Filmsequenzen, die ich thematisch ordne und dann bei Bedarf nutze und individualisiere – ganz genau so, wie ich ich auch mit meinem Musikequipment arbeite… Ich versuche das zu verarbeiten, was mich gegenwärtig angesprochen hat, den Moment, sowie Bilder und Gefühle einzufangen und zu einem neuen Ganzen zu formen, visuelle Eindrücke in akkustische Erfahrung umzuwandeln und umgekehrt – gern auch mit Texten…
Stil: DIY – ich mache, was ich nicht lassen kann.

Du hast verschiedene Sound-Designs entwickelt, unter anderem auch eine holographische 3D-Behandlung, um psycho akustische Räume zu schaffen. Klingt unheimlich spannend und ein bisschen nach Science Fiction. Was genau hast Du gemacht?
Gabriel Le Mar: Im Rahmen einer Kunstausstellung habe ich mit meinem Partner George Din eine Installation aufgebaut, die aus einer im Raum frei hängenden Synthesizer-Gitarre bestand, die wiederum direkt vor Lautsprecherboxen hing und dabei selbstoszillierend Feedbackschlaufen erzeugte, die wiederum aus den Lautsprechern ertönten und die Saiten der Gitarre zum Schwingen brachten, so dass sich die Frage stellt, was zuerst da war bzw. wer den Ton erzeugt. Eine Klanginstallation ist für mich eine andere Herausforderung als ein Live-Gig oder eine Studioproduktion. Ansonsten verbringe ich besonders viel Zeit damit, neue Sounds zu bauen und zu sammeln oder auch viel fieldrecording mit meinem Sound-Staubsauger zu machen und zu verarbeiten. Ein sehr schönes Projekt in dieser Hinsicht war mein Co-Op Album mit Pete Namlook auf FAX, das auch als Surround-Produktion erschienen ist.

 

GabrielLeMar by Florian Geiger

GabrielLeMar by Florian Geiger

Und dann gibt es da noch Dein wohl bekanntestes Visual-Art Projekt, das am 1. Juni seinen 19. Geburtstag feierte und bis heute im Bayrischen Fernsehen läuft: die Space Night. Wie ist das Projekt entstanden und was hat sich konzeptionell sich von damals bis heute verändert?
Gabriel Le Mar: Das Projekt enstand, weil wir als Aural Float (Pascal Feos, Alex Azary, Gabriel Le Mar) bei unseren Live-Sessions im XS-Club in Frankfurt entdeckten, dass unser Sound prima zu den Space Night Bildern passt, die nachts live im BR liefen. Die Wirkung war gewaltig anders, als die im Original noch mit Mainstream-Rockmusik unterlegten Space Night Folgen. Das gefiel auch dem BR und die „elektronische“ Space Night war geboren.
Bei der Space Night berieten wir die Redaktion musikalisch, für die TV-Beiträge kompilierten wir als Aural Float die Musik. Space Night ist das Nachtprogramm des Bayerischen Fernsehens, in dem Videoaufnahmen laufen, die Kosmonauten von der Erde gemacht haben, unterlegt mit elektronischer Musik. Leider dachte der BR darüber nach, die Space Night abzusetzen, da die GEMA ihre Tarife erhöht hat. Der BR hatte jedoch ein „Einsehen“, und beschloss nun die GEMA-pflichtigen Musikbeiträge durch nicht-GEMA-pflichtige Beiträge zu ersetzen – aus Raider wurde TWIX und die Space Night läuft weiter. Das ist wohl die größte konzeptionelle Veränderung, sowie dass die Space Night Folgen nun auch wieder nicht nur im Alpha, sondern auch im BR zu sehen sind.

Scheinbar war der Grund für diese Umwandlung wirtschaftlicher Natur, denn ab dem Moment wo die GEMA beschloss, dass der BR die gleichen Tarife zahlen muss, wie alle anderen öffentl.-rechtlichen TV-Anstalten auch, anstatt des „Amigo-Koeffizienten“ für Testbilder, war die Musik, die der Space Night mit zu ihrem „Kultstatus“ verholfen hat, ihnen nun zu teuer, und das mit einem Etat von rund 1 Mrd. Euro pro Jahr…
2013: Aural Float ist aufgelöst, Space Night wird postmodern, …und mir ist auch schon anders…ich muss jetzt schnell mal in die PRAXXIZ zum Dr…

Zurück zur Musik und nach Berlin. Du bist nach „Puttin‘ On The Green Hat“ (Dr. Motte meets Gabriel Le Mar) bei PRAXXIZ Booking gelandet. Einfach eine logische Konsequenz oder was steckt dahinter?
Gabriel Le Mar: Emotionale Konsequenz. Ich folge da meinem Herzen, und wir arbeiten ja auch schon so lange zusammen. Ich bin auf der dubbigen Seite von PRAXXIZ und meine Sets bewegen sich im Spektrum von Techno und TechHouse – gerne deep und in Dub.

Fassen wir also zusammen: Du bist DJ, Live Act, Producer, Musiker, Video-Künstler. Du hast mehr als 30 Album-Releases auf Labels wie SpiritZone, PRAXXIZ, BlueRoom/UK, multicolor oder auch Elektrolux, um nur einige zu nennen, unzählige Singles, EPs und Compilations. Du hast mit den ganz großen der Szene zusammen gearbeitet, wie Paul van Dyk, Sven Väth und Konsorten. Was inspiriert Dich heute noch?
Gabriel Le Mar: Die Welt der Musik an sich inspiriert mich, seitdem ich sie begann zu entdecken, und ich schiebe schon mal den Blues, wenn ich daran denke, dass ein Leben nicht ausreicht, um all diese Welten zu explorieren.
Sven lernte ich 1992 in Goa kennen und er hat mich auf jeden Fall auch inspiriert, wie viele andere Künstler und Freunde auf diesem Move – die Musik hat uns zusammengebracht.

Wünsche? Träume? Zukunftsmusik?
Gabriel Le Mar: Be here now! Frei nach dem Motto der ersten Love Parade: „Friede, Freude, Eierkuchen“ – for everyone! Eine bessere Zukunft und Glück für alle.Peace & Out, G*

Das Interview führten Diana Hinz & Ellen Dosch

Neue Musik von Gabriel Le Mar gibt es aktuell hier – vertreten auf der neuen ENTER.IBIZA 2013 Compilation(Minus), mikt „The Beat Beatless“:

 

Links & Credits:

•Website: www.le-mar.de
•Facebook: www.facebook.com/gabriellemarofficial
•Twitter: www.twitter.com/Gabriel_Le_Mar
•Mixcloud: www.mixcloud.com/subsonicpark
•Soundcloud: www.soundcloud.com/gabriellemar
•YouTube: www.youtube.com/gabriellemar
•Booking: www.praxxiz.de
•Fotos: Florian Geiger – www.floriangeiger.com

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